Mikow-Lumne

70 Jahre Berlinale und ein Boulevard der Schande

In diesem Jahr zieht es wieder jede Menge Prominenz und Touristen zur Berlinale in unsere Stadt. Das weltweit bedeutsame Filmfestival findet vom 20. Februar bis zum 1. März statt und feiert sein stolzes 70-jähriges Jubiläum. Grund genug, den Potsdamer Platz filmreif herauszuputzen und der Welt ein strahlendes Gesicht voller Glanz und Glamour zu präsentieren. So werden rote Teppiche ausgerollt und Wege gefegt, Karossen geputzt und Kameras ohne Ende aufgestellt um die Stars und Sternchen der Filmbranche möglichst wirkungsvoll ablichten zu können.

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Leider wird der Glanz auf der Potsdamer Straße aber schon an der Bordsteinkante wieder verblassen. In krassem Gegensatz zur Internationalität der Filmfestspiele findet der Tourist und wahrscheinlich auch der eine oder andere Prominente einen heruntergekommenen Mittelstreifen in schmutzigem Rot, der eher an einen zu breit geratenen Fahrradweg erinnert und Boulevard der Stars genannt wird.

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Wie müssen sich die Stars für unsere Stadt fremdschämen, wenn sie diesen Boulevard, der nicht einmal diese Bezeichnung verdient, mit den unansehnlichen, beschmutzten Sternen sehen, auf denen ihre Namen stehen.

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Stumpfe Oberflächen mit verblassten Schriftzügen, eingerahmt von aufgerissenem schmutzig-roten Asphalt. Eine Million Euro hat dieses Projekt gekostet und danach hat man einfach die Pflege vergessen. Für neue Sterne fehlte der gemeinnützigen Gesellschaft das Geld, was keinesfalls eine Entschuldigung für diesen grauenhaften Zustand ist. Schließlich war von Anfang an klar, das der Unterhalt weiteres Geld kosten wird.

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Als Berliner bin ich entsetzt. Man hatte sich ursprünglich den Walk of Fame in Los Angeles als Vorbild genommen und letztendlich einen Boulevard der Schande kreiert.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

…ich habe mein Gesicht erkannt. So oder ähnlich könnte man resümieren, wenn man sich das großartige Theaterstück „Extrawurst“ angesehen hat. Ein Tennisverein beschließt auf seiner Mitgliederversammlung die Anschaffung eines neuen Vereinsgrills. Ein harmloses Unterfangen könnte man meinen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Frage aufkommt, ob man nicht für Muslime einen zweiten Grill bräuchte. Was eigentlich keine große Sache ist, dynamisiert sich durch ein exzellentes Wortmatch und fünf wunderbare Darsteller. Der Zuschauer folgt gespannt den Dialogen und tief im Inneren ergreift er selbstverständlich Partei für denjenigen, der „seine“ Meinung vertritt, denn jeder der fünf Vereinsmitglieder hat natürlich seine eigene Auffassung von Integration, Toleranz, und Akzeptanz. „Extrawurst“ ist eine intelligente, politische Komödie, während der jedem Besucher subtil der Spiegel vor das Gesicht gehalten wird. Am Ende muss man sich fragen, ob die eigene Auffassung wirklich die wahre und richtige ist, oder ob man sich nicht vom Strom der Gesellschaft mit all ihrer Spießigkeit hat mitreißen lassen. Diesen sensiblen Stoff aus der Feder von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob in eine unterhaltsame Komödie zu packen ist eine Meisterleistung des Regisseurs Guntbert Warns. Mit perfekten Übertreibungen machen die großartigen Protagonisten Simone Thomalla, Christoph M. Ohrt, Felix von Manteuffel, Hans Czypionka und Atheer Adel sehr lehrreich klar, in jedem steckt etwas von jedem. Welcher Typus Mensch man sein will muss jeder für sich selbst entscheiden, doch am Ende bleibt die Chance, es besser zu machen, „andere“ Menschen zu akzeptieren, tolerant zu sein, ohne sich als das Maß aller Dinge zu sehen. Am Ende sind wir alle individuelle Wesen und jeder hat das Recht so zu leben, zu glauben und zu lieben, wie er selbst es für richtig hält und jeder hat die Pflicht, jedem dieses – sein – Recht einzuräumen. „Extrawurst“ hat mich begeistert, die hervorragenden Schauspieler, die tolle Bühne und ein Drehbuch, das einerseits sehr lustig umgesetzt wurde und doch zum Nachdenken zwingt. Es ist ein Stück, das man gesehen haben sollte und sehr zu empfehlen ist.

2020-02-13 Extrawurst

Adverso Flumine oder der wahre Eklat

Auch in diesem Jahr wird auf dem Dresdener Semperopernball der St. Georgs Orden verliehen. Die Auszeichnung mit diesem Orden ist Symbol dafür, sich für das Gute in der Welt eingesetzt zu haben. Nun muss man sich schon fragen, mit welcherlei Maß das Gute in diesem Fall bewertet wird, zumindest von den Verantwortlichen des Balls. Denn der diesjährige Orden wird dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi verliehen. Das Maß ist offenbar die, durch den Putsch 2013 wieder hergestellte Stabilität in Ägypten und die Konformität mit dem Rest der Welt. Dabei kann man schon einmal vergessen, dass eben dieser Präsident für die Ermordung von Menschen verantwortlich ist. Es ist schon sehr merkwürdig, wenn man von einem weiteren Eklat in Verbindung mit der Moderation des diesjährigen Semperopernballs in Dresden spricht. Von Hasstiraden und Bedrohungen gegen die, für Judith Rakers eingesprungene Mareile Höppner ist die Rede. Verübeln kann man ihr die Absage, den Ball zu moderieren wohl nicht. Wenn sein eigenes Kind bedroht wird, und sei es nur verbal, liegen die Prioritäten verständlicherweise an anderer Stelle. Der eigentliche Eklat ist meiner Meinung nach die Tatsache, den Orden überhaupt an diesen Mann zu vergeben. Vielleicht sollte der Ballverein im nächsten Jahr etwas mehr Fingerspitzengefühl beweisen und einen geeigneteren Kandidaten auszeichnen.

Nachtrag: Der Druck der Öffentlichkeit und das Rückgrat, das viele Prominente bewiesen haben indem sie ihre Teilnahme am diesjährigen Semperopernball absagten hatte zur Folge, dass dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi der St.-Georgs-Orden wieder aberkannt wurde. (06.02.2020)

Thalbach-County…

…könnte man die Komödie am Kurfürstendamm ehrfurchtsvoll nennen, in der Katharina Thalbach und ihre Familie fast schon zu Hause sind. Wenn das Klima zu Hause stimmt, fühlt sich jeder wohl, Bewohner wie Besucher. Ein gutes Klima herzustellen und zu halten schafft Katharina Thalbach in ihrer Familie meisterhaft. Sie inszeniert ein Meisterwerk nach dem anderen. Ein ausverkauftes Haus und glückliche Besucher zeugen von ihrer Perfektion, ihrer Disziplin, und ihrem Können einen schweren Job für den Zuschauer federleicht aussehen zu lassen. Jeder Besuch in einem ihrer Stücke ist ein Erlebnis der Extraklasse. Die große Katharina ist auf der Hut, Handlungen nicht unnötig in die Länge zu ziehen und immer für eine Überraschung gut. Das hält ein Stück lebendig. Nur zu Recht und meiner Meinung nach längst überfällig bekam sie nun den Ernst-Lubitsch-Preis verliehen. Eigentlich könnte sie sich etwas ausruhen, aber das wäre nicht Katharina Thalbach. Sie ist schon auf dem nächsten Sprung, fährt doch im März schon der nächste Zug über die Bühne. Der Zuschauer darf gespannt sein, denn die Fahrt wird mörderisch. Selbstverständlich bin auch ich mit an Bord, denn ich will um keinen Preis auch nur eine Minute, eine einzige Geste und schon gar nicht ihr schelmisches Lächeln verpassen, denn all das sagt ohne Worte, was sie macht, macht sie gern und ihre Freude über ein begeistertes Publikum trägt sie nicht nur am Ende jeder Vorstellung offen im Gesicht zur Schau. Wie kann man sich die Liebe seines Publikums besser verdienen? Meine jedenfalls hat sie bis in alle Ewigkeit und das nicht erst seit einer kurzen persönlichen Unterhaltung bei einem zufälligen Treffen nach einer Vorstellung von „Hase, Hase“.

Nähmlich schreibt man mit „h“ – Isch schwöre!

Das ist kein Einzelfall und Winfried Kretschmann findet das offenbar auch gar nicht schlimm. Er ist nämlich der Meinung, Rechtschreibung ist nicht mehr wichtig in der heutigen Zeit, in der auf Smartphones und Computern Programme Korrekturen am Geschriebenen vornehmen können. Dass man sich auf eine korrekte Erkennung und Änderung der Fehler durch diese Programme nicht verlassen kann ignoriert er schlichtweg. Ebenso die Tatsache, das die Rechtschreibung auf die Lern- und Merkfähigkeit, das Lesen und das Artikulieren Auswirkungen hat. Wenn der Ministerpräsident aus Baden-Württemberg nun der Meinung ist, die Rechtschreibung aus dem bildungspolitischen Fokus zu nehmen sei richtig, ist das für mein Verständnis nur ein Weg, weniger Geld in die Bildungspolitik investieren zu müssen. Vielleicht sollte er einmal in die Schulen gehen und sich umhören, wie dort gesprochen und geschrieben wird. Mir dreht sich jedenfalls oft genug der Magen um, wenn ich manche Bewerbungen auf den Tisch bekomme. Isch schwöre…

Der zweite Fahrradunfall im ersten Monat

Es ist wieder passiert. Das Jahr hat noch nicht einmal den ersten Monat zu Ende gebracht und schon hat Berlin den zweiten tödlichen Fahrradunfall zu verzeichnen. Das ist mehr als tragisch. Trotzdem muss ich immer wieder erleben, wie sich Radfahrende vor den Kreuzungen an den Autos vorbei drängeln. Es ist allgemein bekannt, das die Gefahr, insbesondere bei größeren Fahrzeugen wie LKW und Busse, in deren toten Sichtwinkel zu geraten sehr groß ist. Natürlich muss ein Fahrzeugführer beim Abbiegen auf Fußgänger und Radfahrende achten. Das steht außer Frage. Doch die Verantwortung nun alleinig und generell den Motorisierten aufzubürden erscheint mir doch sehr einseitig. Wenn ich als Radfahrer auf eine Kreuzung zufahre und neben bzw. vor mir ein größeres Fahrzeug fährt oder steht, bleibe ich gefälligst hinter ihm. Es dauert nicht einmal eine Minute länger wenn ich abwarte und dann sicher meinen Weg fortsetzen kann. Wenn ein(e) Radfahrende(r) sich bereits vor dem abbiegenden Fahrzeug befindet, sollte es oberstes Gebot sein, den Sichtkontakt zum Fahrer zu suchen. Denn ob Recht oder Unrecht, ein Mensch hat keine Knautschzone und ein Vorfahrtrecht ist keine Garantie dafür, unbeschadet an sein Ziel zu kommen. Das Verkehrsaufkommen in unserer Stadt macht eine gegenseitige Rücksichtnahme unverzichtbar. Jeder sollte immer damit rechnen, von einem anderen nicht gesehen zu werden. Ich bin mir sicher, wir könnten viele Unfälle damit vermeiden. Für die zwei Radtoten kommt das leider zu spät, aber wenn wir uns alle um etwas mehr Aufmerksamkeit bemühen, muss es keine weiteren geben.

Was man mit 13,5 Milliarden € tun könnte

Werter Herr Scholz. Da wir ja stattliche 13,5 Milliarden Steuerüberschuss erwirtschaftet haben schlage ich vor, dieses Geld für die Renten und ein bedingungsloses Grundeinkommen zu verwenden. Sie werden sehen können, wie das Geld durch den höheren Konsum wieder in die Staatskasse fliessen wird. Das wäre dann eine sogenannte Win-Win-Situation, die allen zugute kommt und ganz nebenbei ihr Image aufpoliert.

Das Australische Drama

Wohl niemand möchte jetzt einer der betroffenen Menschen in Australien sein, die ihr Hab und Gut an die verheerenden Brände verloren. Besonders betroffen machen mich die Bilder von den verbrannten Flächen auf denen noch vor kurzem Häuser standen, sich Wälder befanden und Tiere lebten. Ohnmächtig stehen wir da und fühlen mit den Menschen, die fassungslos vor den Trümmern ihrer Existenzen stehen und es treibt mir die Tränen in die Augen, wenn die Bilder von verkohlten Tierkadavern, die auf ihrer Flucht vor dem Inferno keine Chance zum Überleben hatten, in den Medien auftauchen. Schnell fragt man sich, warum die Regierungen der Welt dem gebeutelten Land nicht hilfreich zur Seite eilen, sei es mit Ausrüstungen oder finanziellen Mitteln, denn eines ist klar: Allein wird es auch für ein so großes Land wie Australien schwer, dem Flammenmeer Herr zu werden und darüber hinaus die Folgeschäden zu verkraften und zu beseitigen. Die Welt muss zusammenrücken und helfen. Es darf hierbei nicht um Bürokratie und Politik gehen. Es geht um Menschen und Tiere und auch um ihre Zukunft nach dem Feuer.

Pistolen sind die neuen Böller

In diesem Jahr war es soweit. Resultierend aus der Unvernunft einiger Menschen, Raketen und Böller gegen andere Menschen zu richten wurden in Berlin Feuerwerkverbotszonen eingerichtet. Irgendwie ist das traurig, wenn man die Berliner nur noch mit Verboten schützen kann, gehört das Feuerwerk, verantwortungsbewusst eingesetzt, doch zu den Traditionen beim Jahreswechsel. Leider gab es auch in diesem Jahr wieder Einige, die Raketen und Co. gegen Feuerwehrleute, Rettungskräfte oder Polizisten zündeten. Da braucht man sich nicht wundern, wenn, wie ich finde zu Recht, Verbotszonen eingerichtet werden. Ebenso besorgniserregend empfand ich den enorm angestiegenen Gebrauch von Schreckschusspistolen, mit denen wahllos herumgeballert wurde und von den Benutzern als harmlos dargestellt wurden. Offenbar sind Pistolen die neuen Böller geworden und es ist mir unverständlich, weshalb solche Schusswaffen frei verkäuflich sind.

Besuchen Sie Venedig – Solange es noch steht

Jedes Jahr, Tag für Tag sind wir auf der Reise durch die Welt. Alles wollen wir sehen, dabei möglichst viel in kurzer Zeit und darüber hinaus mögen uns zu den begehrten Zielen lange Fußwege erspart bleiben. Dafür tun wir alles. Wenn wir wieder zu Hause sind, können wir den Verwandten, Freunden und Kollegen von der Einzigartigkeit der Sehenswürdigkeiten berichten. Von der majestätischen Schönheit der Pyramiden, den Korallenriffen an der Nordküste von Osttimor oder im Roten Meer, den Inseln der Malediven oder Städten wie Sankt Petersburg, New York oder Venedig. Kaum jemand macht sich Gedanken über den Preis, den unser Reisefieber kostet. Sicher ist es toll, zu reisen, Menschen und fremde Kulturen kennenzulernen und es ist auch bestimmt nichts Falsches daran. Wenn ich aber zum Beispiel Bilder von Venedig sehe, wie riesige Kreuzfahrtschiffe am Markusplatz vorbeifahren und das Wasser der Kanäle unter die Straßen und Plätze der Stadt verdrängen und so Hohlräume entstehen lassen, die langfristig die Stabilität der Stadt, wie auch die Sicherheit der Menschen gefährden, frage ich mich, ob das der Preis unserer Sensationslust ist. Muss ich denn wirklich mit solchen riesigen Schiffen quasi bis ins Hotel gefahren werden? Von der Umweltverschmutzung einmal abgesehen gibt es immer wieder mit den großen Schiffen gefährliche Situationen, werden kleine Boote fast gerammt oder abgedrängt. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis eines der Riesenschiffe die Stadt rammt. Bedingt durch den sandigen matschigen Untergrund der Inseln, auf denen Venedig erbaut wurde, versinkt die Stadt ohnehin mit jedem Jahr um einige Millimeter. Wir müssen das nicht noch durch die Kreuzfahrtschiffe beschleunigen. Eine Alternative könnte das Fahrverbot für die großen Schiffe sein. Halt wäre dann am Festland und die Passagiere müssten mit Booten nach Venedig weiterreisen – ein weitaus kleineres Übel als eine versunkene Stadt…