Mikow-Lumne

Kinderschritte

Auf dem Weg zur Arbeit sah ich gestern einen Vater, an der Hand einen kleinen Jungen. Wenn ein Kind einen Schritt macht, macht ein Erwachsener gerade einmal einen halben für denselben Weg, oder anders herum betrachtet, muss ein Kind zwei bis drei Schritte setzen um mit dem Tempo eines Erwachsenen mithalten zu können. Genau dieses Bild bot sich mir beim Anblick der Beiden und ich fragte mich, ob der Vater sich überhaupt bewusst war, dass sein Kind versuchte, sich seinem Tempo anzupassen und ob er wirklich nicht bemerkte wie es an seiner Seite immer wieder in Laufschritte verfiel. Ich fragte mich, ob er darüber nachdachte, wie unausgeglichen und abgehetzt sein Kind in der Kita ankommen würde und wäre am liebsten ausgestiegen, um ihn darauf hinzuweisen. Es ist ein Phänomen unserer schnelllebigen Zeit, immer mehr Dinge in einem immer kleineren Zeitfenster erledigen zu müssen, aber ist es letztendlich nicht so, dass wir uns als Erwachsene genau dazu drängen lassen? Viele Dinge könnten wir viel entspannter erledigen, wenn wir das entsprechende Zeitfenster vergrößern, sei es früher aufzustehen und bewusst mehr Zeit für den Weg, den man mit Kindern zurücklegen muss einzuplanen oder auf dem Heimweg einfach etwas zu bummeln. Das würde auch den Tagesstress der Eltern etwas abbauen und die sich entwickelnde Ruhe überträgt sich dann auch auf mein Kind und den Rest der Familie zu Hause.

Wie oft klagen wir Eltern darüber, wenn Kinder abends nicht einschlafen wollen, nicht schnell genug etwas erledigen oder in unseren Augen „unausstehlich“ sind? Dabei ist in vielen Fällen unsere eigene Ungeduld und eine falsche Koordination unserer Zeit der wahre Grund dafür und wir vergessen, Kinder brauchen Zeit zum Schauen, Wahrnehmen, Fragen, Begreifen und Verarbeiten und natürlich zum Spielen, der Grundlage für jede Entwicklung. Das dauert eben, solange es dauert. Es ist sicherlich nicht einfach, in der heutigen Zeit alles unter einen Hut zu bekommen, aber bei den Kindern sollten wir keinerlei Abstriche machen. Sie merken sich sehr viel und die Rechnung kommt, wenn sie älter werden und keine Zeit (gleichgesetzt mit Lust) haben Eltern zu besuchen, die keine Zeit für sie hatten, als sie noch Kind waren. Ein Kind im Eiltempo neben den Erwachsenen geht unter in Stress und Hektik des Alltags, sieht keine Blätter vom Baum trudeln oder Bienennektar aus dem Blüten sammeln und weiss nicht, wie Schnee auf der Zunge schmilzt und wie sich das anfühlt. Wir sollten uns daran erinnern, wie es uns als Kind ging und was wir von heute aus betrachtet gern gemacht hätten – wenn wir als Kind genügend Zeit gehabt hätten, und unseren Kindern genau diese Zeit, die sie brauchen geben. Ein guter Anfang dafür ist die Anpassung unserer Laufgeschwindigkeit an die Schritte der Kinder.

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